Rot, Gelb, Orange | Einblicke ins Hospizleben

Heute geht es ihr besser. Gestern war ein schlechter Tag, das hat sie beunruhigt. Die Erleichterung ist spürbar. Sie sitzt im morgendlichen Sonnenlicht an der Fensterfront ihres Zimmers. Hellblauer Pullover, darüber eine große, auffällige Kette. Ihre Augen sind wach, aufmerksam, freundlich.

Der kleine Tisch vor ihr ist vollgestellt, Blumen stehen auch dort. Blumen mag sie sehr: Rosen, Tulpen, kräftige Farben. An den Wänden hängen Bilder: starke Farben, präsent, als wären sie schon lange hier zu Hause.

Sie malt viel. Kreativ war sie schon immer: Töpfern, Öl- und Seidenmalerei. Geblieben ist sie bei Acryl und Aquarell. Der Prozess ist schneller, sagt sie, sie sei sehr ungeduldig. Wenn sie sich festgebissen hat, will sie nicht warten. Sie malt Landschaften … und natürlich Blumen.

Ihre Farben sind warm. Helligkeit und Schatten machen Details sichtbar, schaffen Perspektive, geben das Gefühl, eintauchen zu können.

Mehrere Jahre lebte sie mit ihrem Mann in der Türkei, bis zu seiner schweren Krankheit. Das Mediterrane ist geblieben: Küsten, Sonnenuntergänge, weiße Bauten, ein Olivenbaum, …

Auch beim Töpfern konnte sie sich verlieren, stundenlang, bis sie merkte, dass es Nacht geworden war. Kreatives Schaffen ist wie eine Glocke. Es lässt vergessen, ermöglicht den Rückzug in eine eigene Welt. Heilsam. Manchmal notwendig.

Als es ihrem Mann schlechter ging, war sie viel allein mit ihm. Freundinnen gab es, aber das System ließ sie alleine. Wartezeiten, kaum Unterstützung, in der Pflege auf sich allein gestellt. Sie war an die Wohnung gebunden und konnte doch fliehen … zu Waldlichtungen, ans Meer. Immer nah bei ihm, und doch ein bisschen für sich.

Als ich gehe, ist es fast Mittag. Die Frühlingssonne wärmt das Zimmer. Auf dem kleinen Tisch liegen ein fertiges Aquarell vom Iterbachtal, Teekanne, Tassen, Medikamente, Malwasser, Pinsel, Papier und … ein prächtiger Strauß Tulpen. Knallgrüne Stängel, voll in der Blüte:

Rot, Gelb, Orange.

Hospiz am Iterbach | April 2026 | Mit Einverständnis der Gästin